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Ich habe jemanden verloren… und mich selbst im Regen wiedergefunden


Ich merke, wie ich immer wieder versuche, das alles irgendwie zu greifen. Nicht mal unbedingt zu verstehen, sondern zumindest so ein bisschen einzuordnen. Als würde es mir Sicherheit geben, wenn ich sagen könnte, das ist jetzt Trauer, das ist jetzt Verarbeitung, das ist jetzt wieder Alltag. Aber so klar ist es nicht. Es fühlt sich eher an wie etwas, das sich ständig verschiebt. Wie Wasser, das nie ganz stillsteht, auch wenn die Oberfläche ruhig aussieht.


Vor nicht allzu langer Zeit war alles noch anders. Dichter. Schwerer. Als hätte das Leben mehr Gewicht gehabt, mehr Substanz, an der man sich festhalten konnte. Und dann passiert etwas, das alles verändert, und plötzlich ist da diese andere Qualität. Nicht unbedingt weniger… eher anders. Leiser vielleicht. Als hätte jemand im Hintergrund einen Ton rausgenommen, den ich vorher nie bewusst gehört habe, der aber immer da war.


Und manchmal liege ich einfach da und merke, dass es ruhig ist. Und dieser Moment ist nicht sofort traurig. Er ist einfach nur ruhig. Und genau das irritiert mich fast am meisten. Weil ich denke, da müsste doch mehr sein. Mehr Schmerz. Mehr Schwere. Mehr von diesem Gefühl, das man erwartet, wenn man so etwas erlebt hat. Aber stattdessen ist da einfach dieser Zustand, in dem ich atme, da bin, nichts aktiv verdränge und trotzdem nicht durchgehend in dieser Traurigkeit feststecke.


Und dann kommen diese Momente, die so gar nicht dazu passen wollen. Oder vielleicht doch dazugehören, nur anders, als ich es erwartet hätte.



Dieser Abend im Regen war keiner von diesen zufälligen Momenten.


Ich bin bewusst rausgegangen. Ich wusste, dass es regnet. Ich wollte meine Regenklamotten testen. Das war der Grund, den ich mir gegeben habe. Etwas Praktisches. Etwas, das Sinn ergibt.


Aber schon nach den ersten Minuten habe ich gemerkt, dass es darum gar nicht wirklich ging.


Es war dunkel. Nicht dieses gemütliche Dunkel, sondern dieses dichte, leicht verschwommene, in dem die Welt irgendwie kleiner wirkt. Die Straßenlaternen haben das Licht nur so halb durch den Regen gedrückt, alles war ein bisschen verschwommen, als würde sich die Welt selbst weichzeichnen. Ich saß auf dem Fahrrad, die Hände am Lenker, und schon nach wenigen Minuten war alles nass. Die Kleidung hat sich schwerer angefühlt, die Luft kühler auf der Haut, und gleichzeitig war da dieses Gefühl, dass es egal ist. Dass es nichts gibt, was ich gerade schützen muss.



Der Regen wurde stärker. Diese Art von Regen, bei der du irgendwann aufhörst, ihm auszuweichen, weil es keinen Unterschied mehr macht. Die Tropfen wurden dichter, schneller, und ich habe gemerkt, wie ich anfange zu lachen. Nicht, weil etwas lustig war im klassischen Sinn, sondern weil es sich so absurd angefühlt hat. Da zu sitzen, komplett im Regen, nachts, allein, und trotzdem nicht das Bedürfnis zu haben, umzudrehen.


Und dann kam dieser Moment, der so klein wirkt, aber sich so groß angefühlt hat. Ich habe einfach meine Zunge rausgestreckt. Erst fast automatisch, so halb spielerisch, halb ohne nachzudenken. Die Tropfen haben sie getroffen, kalt, unregelmäßig, mal mehr, mal weniger. Es war nichts Besonderes und gleichzeitig war es genau das. Dieses direkte Spüren. Kein Filter dazwischen, kein Abstand. Nur dieser eine Moment, in dem ich einfach da war.


In dem Moment gab es keinen Teil von mir, der gesagt hat: „Was machst du da eigentlich?“


Es gab nur mich… und dieses direkte Erleben.


Ich habe weitergemacht. Wieder und wieder. Und irgendwann habe ich gemerkt, wie sich Regentropfen in meinem Bart gesammelt haben. Kleine, kühle Punkte, die sich festhalten, bevor sie langsam wieder runterlaufen. Und ich habe sie einfach… aufgenommen. Ohne darüber nachzudenken, ob das komisch ist. Ohne Bewertung. Es war einfach ein Spiel. Etwas, das keinen Zweck erfüllt und genau deshalb so leicht ist.


Ich konnte teilweise kaum noch richtig sehen. Die Tropfen auf den Augen, das Licht verschwommen, alles ein bisschen unscharf. Und genau das hat mich noch mehr zum Lachen gebracht. Weil ich gemerkt habe, dass ich gerade nicht kontrolliere. Dass ich mich einfach diesem Moment überlasse. Dass ich nichts perfekt machen muss, nichts richtig, nichts sinnvoll.


Ich war einfach… frei.



Und irgendwo zwischen diesem Lachen, diesem Regen, dieser Kälte auf der Haut und dieser Wärme von innen ist etwas passiert, das sich schwer greifen lässt.

Es war kein Gedanke. Kein bewusster Prozess. Eher so, als würde etwas in mir aufgehen. Ein Raum/Teil von mir, der vorher da war, aber den ich lange nicht betreten/gefühlt habe.


Etwas, das ich nicht verloren habe.

Aber lange nicht gespürt habe.


Ich glaube, diese Teile verschwinden nicht einfach.

Sie werden nur leiser.


Nicht, weil wir sie aktiv wegschieben, sondern weil das Leben irgendwann andere Dinge verlangt. Weil man funktioniert. Weil man sich anpasst. Weil man lernt, wann man wie sein sollte. Und ohne es zu merken, tritt das, was leicht ist, was verspielt ist, was keinen Zweck erfüllt, immer ein Stück weiter nach hinten.


Nicht weg.

Nur… nicht mehr vorne.


Und dann passiert etwas, das alles verändert.


Und plötzlich sind viele dieser Dinge, an denen man sich orientiert hat, nicht mehr da. Oder fühlen sich zumindest nicht mehr gleich an. Und in dieser Verschiebung entsteht Raum. Kein angenehmer Raum. Kein Raum, den man sich aussucht. Aber ein Raum, in dem etwas anderes wieder hörbar wird.


Vielleicht sind es genau diese Momente, in denen diese leisen Teile wieder nach vorne kommen.


Nicht laut. Nicht fordernd.

Eher vorsichtig.


So, als würden sie erst schauen, ob sie bleiben dürfen.


Und ich merke, dass ich das noch nicht ganz greifen kann.


Weil da gleichzeitig diese Trauer ist. Die kommt, wann sie will. Die sich nicht ankündigt, die sich nicht erklären lässt. Die einfach da ist und genauso echt ist wie alles andere.


Und dann gibt es diese Momente, wie im Regen, in denen ich mich lebendig fühle. Frei. Leicht. Ohne dass ich sagen könnte, warum.

Und ich verstehe nicht ganz, wie das zusammenpasst.

Ich weiß nicht, ob ich das verstehen muss.


Ich merke nur, dass sich etwas verändert. Nicht laut. Nicht klar. Eher wie ein leiser Übergang.


Und vielleicht geht es gerade gar nicht darum, wieder zu dem zurückzufinden, was mal war.

Sondern langsam zu entdecken, was in mir wieder hörbar wird… wenn alles andere leiser wird.


Nicht im großen, dramatischen Sinne. Nicht dieses „jetzt ist alles anders“. Sondern still. Leicht. Echt. So, als würde ich mich selbst für einen Moment nicht zurückhalten.


Und genau das hat mich später so nachdenklich gemacht.


Weil ich im Bett lag und plötzlich wieder dieser andere Teil da war, der fragt, der einordnet, der verstehen will. Der sich fragt, ob das alles zusammenpasst. Ob es richtig ist, sich so zu fühlen. Ob ich nicht eigentlich noch an einem ganz anderen Punkt sein müsste.


Es fühlt sich manchmal an, als würde ich zwei Ebenen gleichzeitig erleben. In der einen ist da dieser Verlust, der nicht weggeht. Der sich manchmal ganz klar zeigt, manchmal nur im Hintergrund liegt, aber immer da ist. Und in der anderen ist da dieses Leben, das einfach weitergeht. Das mich überrascht mit Momenten, die ich nicht geplant habe. Die sich leicht anfühlen, obwohl ich dachte, dass es das gerade nicht dürfte.


Und ich merke, dass ich das noch nicht ganz zusammenbekomme.


Ich verstehe nicht, warum ich so schnell wieder lachen kann. Warum ich solche Momente erlebe, obwohl doch etwas fehlt. Warum ich mich in einem Moment so lebendig fühle und im nächsten wieder diese Traurigkeit kommt, die genauso echt ist.


Aber vielleicht ist genau das der Punkt.


Dass es nicht darum geht, das eine gegen das andere aufzuwiegen. Nicht darum, was „richtig“ ist oder was „sein sollte“. Sondern dass beides einfach da ist. Gleichzeitig. Ohne sich gegenseitig auszuschließen.


Ich merke, dass ich mich langsam daran gewöhne, dass diese Zustände wechseln. Oder vielleicht nicht mal wechseln, sondern nebeneinander existieren. Wie zwei Strömungen im gleichen Wasser, die sich manchmal berühren und dann wieder auseinandergehen.


Und irgendwo dazwischen bin ich.


Manchmal suchend. Manchmal ruhig. Manchmal unsicher.



Und dann gibt es diese Momente, wie im Regen, in denen ich nichts davon bin.

In denen ich einfach nur da bin.


Dieses Fahrradfahren fühlt sich dabei wie etwas an, das ich nicht ganz erklären kann. Es ist mehr als nur Bewegung. Mehr als nur „den Kopf freibekommen“. Es ist eher so, als würde sich in mir etwas sortieren, ohne dass ich eingreifen muss. Der Rhythmus, die Luft, dieses Alleinsein, ohne wirklich allein zu sein… ich merke, wie mein Kopf leiser wird und gleichzeitig etwas in mir wacher.


Und dann passieren solche Dinge wie im Regen. Dass ich plötzlich einfach anfange zu spielen. Ohne Grund. Ohne Ziel. Ohne darüber nachzudenken, ob das Sinn ergibt. Und während ich das mache, gibt es keinen Moment, in dem ich mich beobachte. Kein „wie sehe ich aus“, kein „was würde jemand denken“. Nur dieses unmittelbare Erleben.


Und erst danach, wenn ich wieder zur Ruhe komme, merke ich, was da eigentlich passiert ist. Oder besser gesagt, ich merke, dass ich es nicht ganz greifen kann. Dass da etwas war, das sich echter angefühlt hat als vieles andere, aber sich gleichzeitig nicht so leicht in Worte fassen lässt.


Manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich gerade einen Teil von mir wiederentdecken, den ich gar nicht bewusst verloren habe. Eher so, als wäre er einfach irgendwann leiser geworden, überdeckt von allem, was im Leben passiert. Und jetzt taucht er wieder auf. Nicht laut, nicht fordernd. Eher vorsichtig. Als würde er selbst noch nicht ganz sicher sein, ob er bleiben darf.


Und ich merke, dass ich ihn manchmal fast wieder zurückdrängen will. Nicht absichtlich. Eher aus Gewohnheit. Weil es ungewohnt ist, sich so frei zu fühlen, ohne sofort einen Grund dafür zu haben. Weil ein Teil von mir denkt, dass das vielleicht nicht stabil ist. Dass es wieder verschwindet. Oder dass es irgendwie nicht „passt“ zu dem, was gerade eigentlich ist.


Aber gleichzeitig ist da dieses andere Gefühl. Ganz leise. Fast unscheinbar. Das sagt, dass genau das vielleicht der ehrlichste Zustand ist, den ich gerade habe. Nicht die Erklärung, nicht das Einordnen, nicht das Festhalten an dem, was sein sollte. Sondern diese Momente, in denen ich einfach bin.


Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Ich weiß nicht, ob das schon Verarbeitung ist oder etwas ganz anderes. Ich merke nur, dass sich etwas verändert. Nicht plötzlich, nicht greifbar. Eher so, als würde sich in mir eine neue Ebene öffnen, die ich vorher nicht kannte. Oder vielleicht doch kannte, aber vergessen habe.


Und manchmal, wenn es ganz still ist, habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht zurück muss zu dem, wie es mal war.


Dass es vielleicht eher darum geht, langsam herauszufinden, wer ich bin… in dem, was jetzt ist.


Vielleicht geht es gar nicht darum, das alles zu verstehen.

Nicht darum, die richtigen Worte für Trauer zu finden oder erklären zu können, warum sich das Leben manchmal gleichzeitig schwer und leicht anfühlt.


Vielleicht geht es eher darum, diese Momente überhaupt zu bemerken.


Diese kleinen, unscheinbaren Augenblicke, in denen plötzlich etwas durchbricht, das sich echter anfühlt als alles andere.

Nicht laut. Nicht spektakulär.

Sondern ganz still… und genau deshalb so klar.


So wie dieser Moment im Regen.


Ich hätte auch einfach drinnen bleiben können.

Hätte sagen können, es ist zu kalt, zu nass, zu ungemütlich.

Hätte mich darüber aufregen können, dass das Wetter schlecht ist, dass es keinen Sinn macht, jetzt noch rauszugehen.


Und vielleicht hätte ich mich dann genauso gefühlt, wie man sich eben fühlt, wenn man sich zurückhält.


Aber ich bin rausgegangen.

Nicht, weil ich wusste, dass da etwas Besonderes passiert.

Sondern weil ich es einfach gemacht habe.


Und irgendwo auf diesem Fahrrad, mitten in der Dunkelheit, im Regen, der alles durchdringt, habe ich gemerkt, dass es gar nicht um das Wetter ging.

Nicht um die Kleidung.

Nicht um irgendeinen Plan.


Sondern um diesen einen Moment, in dem ich aufgehört habe, mich selbst zurückzuhalten.



In dem ich nicht mehr darüber nachgedacht habe, wie es richtig wäre.

In dem ich nichts kontrollieren wollte.

In dem ich einfach meine Zunge rausgestreckt habe, die Tropfen gespürt habe, gelacht habe, obwohl ich kaum noch sehen konnte.


Und vielleicht sind es genau diese Momente, die uns zeigen, was in uns noch da ist.


Diese Teile, die wir nicht verloren haben, aber irgendwann leiser geworden sind.

Weil das Leben laut wurde.

Weil wir gelernt haben, uns anzupassen.

Weil wir angefangen haben, mehr zu funktionieren als zu fühlen.


Und dann passiert etwas, das alles erschüttert.


Und plötzlich ist da Raum.

Nicht unbedingt ein Raum, den man sich wünscht.

Aber ein Raum, in dem diese leisen Anteile wieder hörbar werden.


Vielleicht ist es genau das, was ich gerade erlebe.


Dass ich nicht nur etwas verliere…

sondern gleichzeitig wieder etwas spüre, das schon lange in mir war.


Und vielleicht ist das kein Widerspruch.

Vielleicht gehört das zusammen.


Vielleicht darf ich traurig sein…

und gleichzeitig lachen, im Regen stehen, Dinge tun, die keinen Sinn ergeben und sich genau deshalb so richtig anfühlen.


Vielleicht geht es gar nicht darum, sich zu fragen, ob man das darf.

Sondern einfach zu merken, dass es passiert.


Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wohin das führt.


Ich weiß nicht, ob das schon ein Schritt ist oder einfach nur ein Moment.

Ich weiß nicht, ob ich gerade etwas verarbeite oder ob ich einfach nur lebe.


Aber ich merke, dass sich etwas verändert.


Ganz leise.


Und vielleicht ist das Einzige, was ich gerade tun kann, nicht dagegenzugehen.


Vielleicht reicht es, manchmal einfach rauszugehen.

Sich dem auszusetzen, was da ist.

Dem Regen, dem Moment, dem eigenen Gefühl.


Und vielleicht merkt man genau da…

zwischen Kälte auf der Haut und diesem leisen Lachen, das plötzlich auftaucht…


dass man sich selbst doch noch spüren kann.



Vielleicht kennst du diesen Moment auch…

diesen einen Augenblick, in dem du dich plötzlich wieder spürst.


Wenn du magst, nimm ihn dir heute.

Ganz ohne Plan.

Ganz ohne Ziel.

1 Kommentar


Du hast dir erlaubt, alles zu sein, was zu genau dieser Zeit in dir war. Wie schön das ist.

Hallo Arne, danke fürs Mitteilen.

Lassen wir unsere Gedanken dort sein, wo wir gerade sind, entsteht Freiheit. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, doch im Augenblick.

Viele Grüße, Cornelia

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