Sie hätte das sehen sollen
- Arne Janssen

- 13. Juni
- 8 Min. Lesezeit

Buchausschnitt:
Vor ein paar Tagen habe ich ein Video gesehen, das mich völlig unerwartet aus der Bahn geworfen hat.
Eigentlich war es nur einer dieser kurzen Ausschnitte aus dem Leben eines fremden Menschen. Nichts Dramatisches. Nichts, bei dem man automatisch an Verlust denkt. Es war einfach ein schöner Moment. Einer von vielen, die täglich durchs Internet ziehen und meist genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Doch aus irgendeinem Grund blieb mein Daumen stehen. Ich sah es mir an. Und wenige Augenblicke später saß ich mit Tränen in den Augen auf meinem Sofa.
Das Merkwürdige daran war nicht, dass ich geweint habe. In den letzten Monaten habe ich oft geweint. Das Merkwürdige war, dass ich zunächst überhaupt nicht verstanden habe, warum mich ausgerechnet dieses Video so getroffen hatte. Es hatte nichts mit meiner Geschichte zu tun. Nichts mit meiner Familie. Nichts mit meiner Mama. Und trotzdem spürte ich, dass etwas in mir berührt worden war.
Nachdem ich das Handy zur Seite gelegt hatte, blieb ich noch eine ganze Weile sitzen. Nicht weil ich sofort wusste, worum es ging. Eher, weil ich es nicht wusste. Es war einer dieser Momente, in denen man merkt, dass sich innerlich etwas bewegt, man aber noch nicht erkennen kann, was es eigentlich ist. Als hätte jemand einen Stein ins Wasser geworfen und man würde nur die Kreise sehen, die sich ausbreiten, ohne zu wissen, wo genau er eingeschlagen ist.
Vielleicht kennen andere Menschen dieses Gefühl. Manchmal scheinen die Tränen etwas verstanden zu haben, bevor die Gedanken hinterherkommen. Während der Kopf noch nach einer Erklärung sucht, ist das Herz längst an einem Ort angekommen, den man selbst noch gar nicht sehen kann.
Je länger ich dort saß, desto mehr begann ich mich zu fragen, warum mich dieser fremde Moment nicht losließ. Zuerst dachte ich, die Antwort sei offensichtlich. Meine Mama ist erst vor wenigen Monaten gestorben. Natürlich berühren mich Dinge anders als früher. Natürlich gibt es Tage, an denen ein Lied, ein Geruch oder ein zufälliger Satz etwas in mir auslöst. Natürlich gibt es diese Momente, in denen ich sie vermisse.
Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass diese Antwort nicht ganz ausreichte.
Denn meine Mama fehlt mir nicht nur dann, wenn ich bewusst an sie denke. Sie fehlt mir oft in den Momenten, in denen ich überhaupt nicht mit ihr rechne. Manchmal passiert etwas Lustiges und für einen kurzen Augenblick denke ich automatisch, dass ich ihr davon erzählen müsste. Manchmal sehe ich etwas Schönes und noch bevor ich bewusst darüber nachgedacht habe, entsteht dieser alte Impuls, zum Telefon zu greifen. Nicht geplant. Nicht absichtlich. Einfach aus Gewohnheit. Aus Liebe. Aus all den Jahren, in denen es selbstverständlich war, dass sie da ist.
Und vielleicht sind genau diese Sekunden die seltsamsten. Diese winzigen Augenblicke, in denen die alte Welt noch existiert. Die Welt, in der ein Anruf möglich wäre. Die Welt, in der man etwas erzählen möchte und weiß, dass am anderen Ende jemand zuhört. Die Welt, in der Gedanken nicht ins Leere laufen.
Es dauert oft nur einen Moment. Dann holt mich die Wirklichkeit wieder ein. Aber manchmal frage ich mich, ob ein Teil von mir das alles überhaupt schon verstanden hat. Ob es Dinge gibt, die der Verstand längst weiß, die das Herz aber noch immer nicht vollständig begreifen kann.
Während ich weiter über dieses Video nachdachte, bemerkte ich etwas, das mich selbst überrascht hat. Bis zu diesem Abend hatte ich Trauer fast immer aus meiner eigenen Perspektive betrachtet. Ich hatte darüber nachgedacht, was mir fehlt. Welche Gespräche ich vermisse. Welche Lücke ihr Tod in meinem Leben hinterlassen hat. Welche Dinge ich ihr gerne noch erzählen würde.
Doch an diesem Abend verschob sich etwas.
Nicht plötzlich. Nicht wie eine große Erkenntnis. Eher langsam. Fast vorsichtig.
Zum ersten Mal fragte ich mich nicht, was ich verloren habe.
Ich fragte mich, was sie verloren hat.
Und dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Vielleicht hat mich dieses Video auch deshalb so getroffen, weil die letzten Monate etwas in mir verändert haben, das sich nur schwer beschreiben lässt.
Es gibt Erfahrungen, die lassen sich kaum erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Wie soll man beschreiben, was es mit einem macht, wenn man über Monate neben einem Menschen sitzt, den man abgöttisch liebt, und langsam erlebt, wie sich dessen Blick auf das Leben verändert? Wenn man Gedanken hört, die nicht mehr von Jahren handeln, sondern von Zeit. Wenn man merkt, dass Dinge, die früher wichtig erschienen, plötzlich an Bedeutung verlieren, während andere Dinge, die man sein ganzes Leben für selbstverständlich gehalten hat, auf einmal kostbar werden.
Ich habe nicht nur meine Mama verloren. Ich habe über einen langen Zeitraum miterlebt, wie ein Mensch, den ich liebe, sich mit seiner eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. Ich habe erlebt, wie sich Prioritäten verschieben. Wie Gespräche tiefer werden. Wie aus gewöhnlichen Tagen etwas Besonderes wird, einfach weil man weiß, dass sie nicht unendlich oft wiederkommen.
Manchmal denke ich, dass nicht nur meine Mama gestorben ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass auch eine bestimmte Sicht auf das Leben mit ihr gegangen ist.
Früher wusste ich natürlich, dass Menschen sterben. Jeder weiß das. Aber Wissen und Verstehen sind manchmal zwei völlig verschiedene Dinge. Erst in den letzten Monaten habe ich wirklich verstanden, was Endlichkeit bedeutet. Nicht als Gedanke. Nicht als philosophische Idee. Sondern als etwas, das mit am Tisch sitzt. Etwas, das morgens mit aufsteht und abends mit schlafen geht.
Und ich glaube, ein Teil davon ist in mir geblieben.
Nicht als Erinnerung.
Eher wie ein Abdruck.
Wie etwas, das meine Sicht auf die Welt verändert hat.

Seitdem nehme ich vieles anders wahr. Nicht immer. Nicht jeden Tag. Aber immer öfter. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und die Sonne durch die Bäume fällt. Wenn warme Sommerluft über meine Haut streicht. Wenn ich den Duft einer Blume wahrnehme, an der ich früher vielleicht einfach vorbeigegangen wäre. Wenn ich Regentropfen dabei zusehe, wie sie langsam ihren Weg über eine Fensterscheibe finden.
Früher waren das einfach Momente.
Heute fühlen sie sich manchmal an wie Erinnerungen, noch bevor sie vergangen sind.
Vielleicht, weil ich inzwischen weiß, wie kostbar Zeit wirklich ist. Nicht als Gedanke. Nicht als schöner Satz. Sondern weil ich erlebt habe, was passiert, wenn ein Mensch begreift, dass seine Zeit begrenzt ist.
Und vielleicht trifft mich dieser Gedanke deshalb so tief, weil er plötzlich ein Gesicht bekommt.
Manchmal stelle ich mir vor, dass dieses Buch irgendwann fertig wird. Dass ich irgendwann ein Exemplar in den Händen halte und zum ersten Mal durch die Seiten blättere. Vielleicht wird es Menschen berühren. Vielleicht wird es irgendwo in einem Regal stehen. Vielleicht wird es nur wenige Menschen erreichen. Das spielt eigentlich keine Rolle.

Was mich trifft, ist ein ganz anderer Gedanke.
Meine Mama wird es nie in den Händen halten.
Sie wird nie die erste Seite aufschlagen. Nie durch die Kapitel blättern. Nie ihre Meinung dazu sagen. Nie sehen, was aus all den Gedanken geworden ist, die heute noch lose Notizen, Entwürfe und Ideen sind.
Und während ich das hier schreibe, merke ich wieder, wie mir die Tränen kommen.
Nicht wegen des Buches.
Sondern wegen allem, wofür es steht.
Weil es nur eines von unzähligen Dingen ist, die noch vor mir liegen.
Manchmal denke ich aber, dass es nicht einmal die großen Dinge sind, die am meisten wehtun.
Viel häufiger sind es die kleinen.
Dass ich wieder irgendeine Pflanze gekauft habe, obwohl ich eigentlich keine mehr kaufen wollte und kein Geld dafür habe . Dass meine Tomaten endlich wachsen. Dass ich auf dem Fahrrad unterwegs bin und die Sonne plötzlich so schön durch die Bäume fällt, dass ich langsamer fahre, nur um diesen Moment noch ein wenig länger festzuhalten.
Früher hätte ich ihr davon erzählt.
Nicht weil es wichtig gewesen wäre.
Sondern weil man die kleinen Dinge den Menschen erzählt, die man liebt.
Und manchmal trifft mich genau das.
Dass ich diese Geschichten noch immer erlebe. Dass ich noch immer neue Erinnerungen sammle. Dass mein Leben weitergeht. Aber dass sie all diese kleinen Kapitel niemals kennenlernen wird.
Vielleicht ist das der Teil von Trauer, über den nur selten gesprochen wird.
Nicht die Erinnerungen, die man verloren hat.
Sondern die Erinnerungen, die niemals entstehen werden.
Während ich das hier schreibe, merke ich, wie mir wieder die Tränen kommen. Nicht weil ich versuche, traurig zu sein. Eigentlich sitze ich nur hier und versuche, einen Gedanken zu verstehen, der seit diesem Video in mir arbeitet. Aber je mehr Worte ich dafür finde, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr das wehtut.
Vielleicht, weil es plötzlich nicht mehr um ihren Tod geht. Nicht um das Krankenhaus. Nicht um die schweren Monate zuhause. Nicht um den Abschied.
Es geht um all die Tage danach.
Es geht um all die Dinge, die noch hätten passieren sollen.
Und während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass irgendwo in mir noch immer dieser Wunsch lebt, ihr all das irgendwann erzählen zu können. Dass ich ihr dieses Buch irgendwann in die Hand drücke. Dass ich ihr von irgendeiner völlig belanglosen Geschichte erzähle, die mich zum Lachen gebracht hat. Dass ich ihr von den Dingen erzähle, die mein Leben noch für mich bereithält.
Vielleicht trifft mich dieser Gedanke deshalb so tief.
Weil mir bewusst wird, dass ich nicht nur um einen Menschen trauere.
Ich trauere auch um all die gemeinsamen Erinnerungen, die niemals entstehen werden.
Vielleicht deshalb hat mich dieses Video so getroffen. Nicht wegen der Menschen darin. Nicht einmal wegen der Situation selbst. Sondern weil es mir etwas gezeigt hat, das ich bisher nur am Rand wahrgenommen hatte.

Trauer schaut nicht immer zurück.
Manchmal schaut sie nach vorne.
Manchmal sitzt man auf einem Sofa, schaut ein bedeutungsloses Video und begreift plötzlich, dass es nicht nur Erinnerungen gibt, die fehlen werden.
Es gibt auch zukünftige Erinnerungen, die niemals entstehen können.
Ich glaube, das war der eigentliche Grund, warum mir die Tränen kamen.
Nicht weil mich das Video an den Tod erinnert hat.
Sondern weil es mich an das Leben erinnert hat.
An all die Kapitel, die noch vor mir liegen. An die Versionen von mir, die ich selbst noch nicht kenne. An die Geschichten, die noch geschrieben werden. An Begegnungen, die noch stattfinden. An Wege, die ich noch gehen werde.
Und gleichzeitig an die Erkenntnis, dass meine Mama all das niemals sehen wird.
Sie wird nicht erleben, ob dieses Buch irgendwann fertig wird.
Sie wird nicht sehen, welche Gedanken irgendwann zwischen zwei Buchdeckeln landen.
Sie wird nicht hören, welche Geschichten ich in zehn Jahren erzählen werde.
Sie wird nicht wissen, welche Menschen noch in mein Leben treten.
Und sie wird nie erfahren, welche völlig belanglosen Dinge ich ihr sonst noch erzählt hätte.
Vielleicht sind es genau diese kleinen Dinge, die am Ende ein Leben ausmachen.
Nicht die großen Ereignisse.
Nicht die Erfolge.
Nicht die Dinge, von denen man glaubt, dass sie wichtig sind.
Sondern die Momente dazwischen.
Ein gemeinsamer Kaffee.
Ein kurzes Gespräch.
Ein Lachen.
Eine Nachricht.
Ein gewöhnlicher Nachmittag, von dem niemand ahnt, dass er irgendwann unersetzlich sein wird.
Vielleicht hat sich deshalb mein Blick auf die Welt verändert.
Nicht dramatisch.
Eher leise.
Fast unbemerkt.
Seit den letzten Monaten fühlt sich manches kostbarer an.
Früher waren das einfach Momente.
Heute bleiben sie länger.
Vielleicht, weil ich inzwischen weiß, dass nichts davon selbstverständlich ist.
Vielleicht, weil ich erlebt habe, wie wertvoll Zeit wirklich ist.
Nicht als Gedanke.
Nicht als Zitat.
Nicht als etwas, das man auf eine Postkarte druckt.
Sondern als etwas, das man plötzlich mit dem Herzen versteht.
Und vielleicht ist genau das das Seltsame an all dem.
Dass die Nähe zum Abschied mich nicht nur gelehrt hat, was Verlust bedeutet.
Sondern auch, was Leben bedeutet.
Dass beides manchmal näher beieinanderliegt, als man glauben möchte.
Und vielleicht war genau das der Gedanke, der an diesem Abend in mir aufgetaucht ist.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Eher leise.
Fast wie ein Flüstern.
Dass es noch so viele Dinge gibt, die ich erleben werde. So viele Geschichten, die noch geschrieben werden. So viele Versionen von mir, die ich selbst noch nicht kenne.
Und dass irgendwo zwischen all diesen zukünftigen Tagen immer wieder derselbe Gedanke auftauchen wird.
Nicht voller Verzweiflung.
Nicht einmal voller Traurigkeit.
Sondern mit einer stillen Liebe, die geblieben ist.
Sie hätte das sehen sollen.







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